Eine kurze Geschichte der Antideutschen

Sie sind ein skurriles Randphänomen in der deutschen politischen Landschaft: Die Antideutschen. Eines Vorweg: Häufig wird den Antideutschen aufgrund ihres sonderbaren Namens unterstellt, „gegen Deutschland zu sein“ und Ihnen der markige Ratschlag „Wenn’s Euch hier nicht passt, dann wandert doch nach Nordkorea aus!“ mitgegeben. Diese wohlgemeinte Reiseempfehlung trifft leider nicht den Kern der Sache, denn die Antideutschen sind nicht etwa gegen „Deutschland“ an sich, sondern sie kämpfen gegen etwas an, das sie selbst als „Deutsche Zustände“ oder „Deutsche Ideologie“ bezeichnen. Und jetzt wird es kompliziert: Deutsche Zustände können Ihrer Auffassung nach in anderen Ländern schlimmer wüten als in Deutschland selbst. Das Flugticket nach Nordkorea würden sie aus diesem Grund – genauso wie das Ticket in den Iran oder in den Irak  – ungenutzt verfallen lassen.

Doch immer der Reihe nach. Bei den Antideutschen handelt es sich um eine Abspaltung der linksextremen Szene in Deutschland. Ihre Entstehung wird auf die frühen 1990er Jahren datiert. Dass ein solcher Abspaltungsprozess nicht friedlich ablaufen würde, versteht sich von selbst und demzufolge wurden die Abweichler kübelweise mit Hass überschüttet.

Der Hass der Linksradikalen auf Ihre ehemaligen Genossen entlud sich nicht ganz zu Unrecht, denn die Antideutschen – ironischerweise ein rein deutsches Phänomen – beließen es nicht bei einer stillen Fahnenflucht, sondern gingen in unerbittliche Frontalopposition zu ihren ehemaligen Mitstreitern, mit denen sie so lange gemeinsam für eine bessere Welt gekämpft hatten. Zum Verständnis: Eine Aufspaltung der seit je her zerstrittenen linksradikalen Bewegung in weitere Nanofraktionen wäre in der turbulenten Geschichte der Linken keine nennenswerte Neuigkeit gewesen. Im Gegenteil pflegt die deutsche Linke seit Ihrem Bestehen eine Streitkultur, die sie tapfer zum Ritus erhoben hat: Denn ausgerechnet dann, wenn eine linke Splittergruppe in der Bedeutungslosigkeit versinkt, stehen die Chancen außerordentlich gut, dass Ihre Mitglieder einen kleinkarierten Theorienstreit um die wahre Ideologie vom Zaun brechen. Dies läuft dann meistens wie folgt ab: Irgendeine Detailfrage löst in der Gruppe eine erbitterte Debatte aus. Im Laufe der Auseinandersetzung beschimpfen sich alle Gruppenmitglieder gegenseitig und produzieren seitenweise beleidigte Pamphlete, wobei die Angelegenheit in der Regel mit der Trennung der Gruppe endet. Unangefochtener Spitzenreiter im internen „über-was-könnten-wir-uns-diesmal-streiten“ – Ranking bleibt die Frage nach der richtigen Marx-Interpretation, dicht gefolgt von der wichtigen Frage, ob die eigene Meinung über diverse Szenegrößen (Trotzki, Mao, Lenin etc.) die richtige oder die falsche ist.

Zurück zu unserer eigentlichen Geschichte: Wie sich bald zeigte, stiegen die Kontrahenten „Antiimps“ (die linksradikale „antiimperialistische“ Linke, also diejenigen, die der Volksmund als „Linksextreme“ kennt) und „Antideutsche“ zwar mit einem reichen Erfahrungsschatz an ideologischer Auseinandersetzungen in den Ring, doch diesmal wurde die Auseinandersetzung im Gegensatz zu den vorherigen Streitigkeiten wirklich ums Ganze ausgefochten. Denn die Antideutschen spalteten sich nicht einfach nur ab, sondern sie brachen radikal mit der linken Weltanschauung und verwarfen ihr linkes Wertesystem, das bis dato wie selbstverständlich gegolten hatte. Der Konflikt zwischen den Antideutschen und den Antiimperialisten“ steigerte sich bald weit über das zu erwartende Maß an linker Streitkultur-Folklore hinaus und geizte nicht mit reichlich Unterhaltung für unbeteiligte Zuschauer. Im Gegenteil.

Hau doch ab, wenn es Dir hier nicht gefällt

Kaum ein Begriff in der jüngeren politischen Debatte ist derart fehlinterpretiert worden wie der Begriff der „Antideutschen“ – selbst von Ihren Erzfeinden, den Altlinken. Die eingangs erwähnte Annahme, antideutsch sei, wer Deutschland nicht mag, ist nicht richtig. Sie ist zwar vom Standpunkt desjenigen, der erstmals über die Antideutschen stolpert, durchaus nachvollziehbar – die meisten Antideutschen jedoch würden eine solche Deutung nur seufzend zur Kenntnis nehmen und vehement ablehnen. Um es vorwegzunehmen: Eine einheitliche Definition des Begriffes antideutsch gibt es nicht und kann es auch nicht geben. Jedermann kann sich als antideutsch bezeichnen, wie ihm gerade lustig ist. Obwohl es sich bei den Antideutschen also keinesfalls um eine geschlossene Gruppe mit festem Weltbild handelt, finden sich bei ihrer Betrachtung dennoch genügend politische Gemeinsamkeiten, die ein Herantasten an die Frage „Was heisst denn nun eigentlich „antideutsch“?“ ermöglichen.

Wie wir bereits festgestellt haben ist es für das Verständnis der Antideutschen wichtig zu wissen, dass antideutsche Überzeugungen nicht etwa auf einer diffusen Ablehnung Deutschlands basieren. Vielmehr agitieren Antideutschen gegen ein breites Spektrum von politischen Ansichten, die sie mit dem Sammelbegriff „Deutsche Ideologie“ betiteln. „Deutsche Ideologie“ beschreibt -vereinfacht dargestellt – eine allgemeine Geisteshaltung, die das Wohl und die individuelle Freiheit des Einzelnen den Zwängen und Ansprüchen einer Gruppe radikal unterordnet. Ob sich diese Gruppe auf politische, völkische oder religiöse Motive beruft, ist dabei völlig unerheblich. Obwohl deutsche Ideologie in den unterschiedlichsten Erscheinungsformen zu Tage tritt, weisen diese Erscheinungsformen markante Übereinstimmungen auf:
Deutsche Ideologie ersetzt aufklärerische Werte wie Vernunft oder rationalen Diskurs durch deren Gegenteil: Gefühl und impulsive Empörung sind eine der wesentlichen Leitlinien politischen Handelns der Deutschen Ideologie. Anhänger der Deutschen Ideologie verstehen sich stets als antikapitalistisch und suchen ihr Seelenheil in der Erfüllung jenseitiger „höherer Ziele“, die nur unter dem Einsatz persönlicher Opfer und ausschließlich im Kollektiv erreicht werden können. Der springende Punkt dabei: ob es sich bei diesen Heilsversprechen im Konkreten um die Errichtung eines tausendjährigen Reiches oder um die Errichtung eines sunnitischen Gottesstaates handelt, ist dabei völlig unerheblich.

„Deutsche“ Ideologie darf somit nicht mit nationalsozialistischer Ideologie verwechselt werden, denn sonst wären die Antideutschen nicht anti-deutsch, sondern lediglich anti-faschistisch.  Geschichte wiederholt sich bekanntlich nicht, aber die Bedingungen für ihre Wiederholung in einer anderen Form und an einem anderen Ort bilden sich oftmals neu heraus – daher reduziert sich der Begriff der „deutschen  Ideologie“ nicht auf nationalsozialistisches Gedankengut, sondern ist wesentlich weiter gefasst. Ihre unglückliche Namensgebung hat die deutsche Ideologie aber durchaus dem deutschen Nationalsozialismus zu verdanken, weil dieser sämtliche Elemente deutscher Ideologie in seinen extremsten Ausprägungen vereint: Radikale und gewalttägige Unterordnung des Individuums in das Kollektiv der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft, eine Kapitalismuskritik, die auf einem irrationalen, antisemitischem Wahngebilde basiert und das Ziel eines zukünftigen tausendjährigen deutschen Großreiches, für dessen Errichtung nicht nur das persönliche Glück im Diesseits, sondern im Zweifel und völlig selbstverständlich das eigene Leben geopfert werden muss. 1

Israel, ISRAEL, ISRAEL

Zurück zu unserer Geschichte. Was hatte die politische Neuorientierung der Antideutschen für Folgen? Plötzlich betrachteten die Antideutschen das „imperialistische Amerika“ und Israel, den „Unterdrückerstaat des palästinensichen Volkes“, nicht mehr wie bisher als die schlimmsten Fortschritts- und Menschenfeinde, sondern erkannte beide Staaten als durchaus progressive Kräfte im Weltgeschehen und Verbündete im Kampf um Befreiung (oder im Falle Israels: zur Selbstverteidigung gegen arabisch-palästinensische „antisemitische Mörderbanden“). Dies war ein unglaublicher Tabubruch in der linken Szene und in mindestens so kurios, als würde man im Vatikan die Einführung der Schwulenehe für katholische Priester fordern. Als erste szenerelevante Gruppierung brandmarkten sie den grassierenden Antisemitismus der Linken und scheuten weder die Auseinandersetzung mit den ehemaligen Genossen, noch die Abrechnung mit der eigenen Vergangenheit. Das Umdenken der Antideutschen in der Betrachtung des Staates Israels war relativ banal und doch von umso heftigeren Reaktionen seitens der Altlinken begleitet. Die Antideutschen setzten lediglich den Staat Israel und dessen Untaten in Relation zu der Menschenrechtssituation in anderen Staaten und kamen zu der einfachen Erkenntnis, dass die einseitige Kritik an der Politik Israels in keinem vernünftigen Verhältnis zu der tatsächlichen Situation stand: Der Vorwurf, Israel sei ein faschistischer Staat, der völkische Siedlungspolitik betreibe, erscheint mindestens kurios in Anbetracht der Tatsache, dass Israel als einziges Land im Nahen Osten eine funktionierende Demokratie aufweisen kann.

Dass die deutsche Linke die Menschenrechtslage in den Israel umgebenden arabischen Regimes konsequent ignorierte, obwohl jene jeglichen nur denkbaren Anlass zu emanzipatorischer Kritik boten oder dass die Linke hinter jeder israelischen Militäroperation routinemäßig die Vorzeichen eines Völkermordes an den Palästinensern erkennen wollte (und dabei tatsächlich stattfindende Völkermorde wie in Darfur nur achselzuckend zur Kenntnis nahm), wurde von den Antideutschen als ein weiterer großer Widerspruch zwischen links-emanzipatorischer Selbsteinschätzung und linker Lebenswirklichkeit ins Kreuzfeuer genommen: Und das – gelernt ist schließlich gelernt- durch eine Flut beleidigender Pamphlete.

Im Umkehrschluss rückte ihre Parteinahme für den Staat Israel den politischen Islam in den Fokus antideutscher Kritik; einerseits ätzten die Antideutschen über das Hamas-Regime, den Iran und deren verbündeten Milizen, andererseits scheuten sie sich nicht, den politischen Islam und den Antisemitismus unter Migranten in Deutschland scharf anzugreifen – womit sie sich freilich den Vorwurf der „Islamophobie“ einhandelten. Vielen an der Diskussion Beteiligten fiel es schwer, die Kritik am Islam nicht mit einer generellen Ablehnung von Muslimen zu verwechseln, allen Beteuerungen und versuchter Aufklärung zum Trotz. In der Debatte um Kopftuch und Frauenrechte, religiös begründeter Homophobie und Antisemitismus blieben die Linken schlüssige Antworten schuldig – und zwar auf die Frage warum die Linken so massiv islamische Lebensweisen verteidigen, die sie niemals für sich selbst akzeptieren könnten und ob sie jene islamische Zustände als eine „natürliche Lebensform“ der Araber betrachteten. Ob es für arabische Frauen erstrebenswert wäre, aller Ihrer Rechte beraubt zu werden oder ob vielleicht gewisse westliche Werte universell für alle Menschen erstrebenswert wären – der viel gescholtene „westliche Kulturimperialismus“ also nicht doch seine gute Seiten hätte. Fairerweise muss man jedoch auch feststellen: Da jedermann unter dem Label antideutsch publizieren konnte, erschienen neben lesenswerter antideutscher Kritik eine ganze Reihe von Blogbeiträgen und Schriften, die eine Unterscheidung zwischen der Verachtung des politischen Islams als Ideologie und der Verachtung von Muslimen als Menschen und Mitbürger nicht leisten konnten oder bewusst unterliessen. Auch provozierten manche Antideutsche die ein oder andere heftige Sexismusdebatte. 

Zusammengefasst: Es hatte längst seinen Gang genommen, was nicht mehr gestoppt werden konnte. Von bitterböser Feindschaft zwischen beiden Lagern in Wort und Schrift bis hin zu offen gewalttätigen Auseinandersetzungen auf der Straße. Eine herrliche Renaissance erlebte zu diesen Zeiten der Faschismus-Vorwurf, den beide Seiten inflationär gebrauchten, um die Gegenseite zu jeder unpassenden Gelegenheit in die Nazi-Ecke zu stellen. Der Loslösungsprozess von all dem, was den Antideutschen als ehemaligen Linken einst heilig war, eine ideologische Kehrtwende von fast 180 Grad, wurde von so einigen bemerkenswerten Phänomenen begleitet, die man – sofern man den Antideutschen wohlgesonnen ist – bestenfalls unter dem Begriff „antideutsche Selbstfindungsprozesse“ subsumieren möchte; wissenschaftlich korrekter ist vermutlich folgende Beschreibung: Ein bemerkenswert pubertäres Verhalten einer großen Anzahl biologisch erwachsener Menschen.

Kühe, Schweine, Ostdeutschland.

Das antideutsche Engagement erlangte spätestens mit Beginn des Irakkriegs im Jahre 2003 bundesweite Bekanntheit, als sich die halbe Bundesrepublik zu Experten für Schiiten und Sunniten erklärte und zum allgemeinen Protest („Kein Krieg im Iraq“) die deutschen Innenstädte befüllte. Bei diesen Protesten zeigte sich das enorme Defizit an Aufklärung großer Teile Europas und insbesondere der Linken, da offenkundig nicht die Sorge um die irakische Zivilbevölkerung die enorme Mobilisierung zu den deutschen Massendemonstrationen antrieb, sondern lediglich blinder Hass auf die Großmacht USA. Wer damals das umfassende Querfrontbündnis aus Sozialdemokraten, Pazifisten, Grünen, Antisemiten, Linken, Verschwörungstheoretikern und Nationalsozialisten live miterleben durfte, dem dämmerte bald die Erkenntnis, dass die Diktatur des Proletariats kein erstrebenswerter Zustand mehr war, sondern um der menschlichen Vernunft willen unbedingt verhindert werden musste. Die Ablehnung des Irakkriegs durch die Linken ist allgemein bekannt; die Haltung der Antideutschen zur Invasion in ein souveränes Land hingegen weniger: Der Irakkrieg wurde von den Antideutschen ausdrücklich begrüßt, er sei der erste nennenswerte „antifaschistische Waffengang nach ’45“. Diese Haltung stand in krassem Gegensatz zur deutschen Mehrheitsmeinung und ließ durchaus aufhorchen.

Die wenigen Gemeinsamkeiten, die die Linken noch mit den Antideutschen teilten, wie etwa die Kritik an kapitalistischen Herrschaftsverhältnissen, konnten das zerrüttete Verhältnis nicht mehr kitten. Im besten Fall wurden gemeinsame Positionen ignoriert, zumeist wurden sie eher als Nebenkriegsschauplätze benutzt. Und schließlich wurde die weitestgehende Abkehr der Antideutschen von linken Überzeugungen genüßlich mit dem ätzenden Vorwurf kommentiert, sie hätten ihre Ideale verraten. Und in der Tat waren manche Antideutsche in der Wahl Ihrer taktischen Bündnisse nicht immer zimperlich („wenn jemand von der CDU recht hat, dann hat auch er recht“) und konterten ähnlich bissig: die Errungenschaften der bürgerlichen Revolution müssten nicht nur gegen die Zudringlichkeiten des Bürgertums selbst, sondern auch und vor allem gegen die totalitären Begehrlichkeiten der Antiimperialisten verteidigt werden, gegen unreflektiert-impulsive Empörung, die häufig in einer dumpfen, brutalen „linken Praxis“ münde.

Da sich die Antideutschen von dem „deutschen Mob“ (ein weit gefasster Kampfbegriff, in den selbstverständlich die ehemaligen Genossen mit eingeschlossen wurden) so weit wie nur möglich abgrenzen wollten, waren sie nicht bereit, jenen Mob dort abzuholen, wo er aktuell stand. Anstatt politische Überzeugungsarbeit zu leisten, entschieden sie sich für beißende Polemik, Provokation und negative Kritik als bevorzugte Mittel Ihrer Auseinandersetzung gegen alle, die in ihren Augen nicht antideutsch genug waren. Ungewollt schnell entwickelten die Antideutschen ihren eigenen Jargon und waren vermutlich selbst davon überrascht, wie effektiv sich Ihre Art, Kritik zu üben, gestaltete. Einige antideutsche Akteure schienen Ihre Polemik zu einer Kunstform der möglichst kreativen Beleidigung erheben zu wollen, was ihnen dank reichlicher Übung auch erstaunlich gut gelang.

Die Linke verstand teils die Welt nicht mehr. In Ihrem Selbstverständnis als einzig progressive gesellschaftliche Kraft sah sie sich völlig unvermittelt einer gnadenlos vernichtenden Kritik ausgesetzt – und dies nicht wie erwartet vom deutschen Stammtisch etwa, sondern von denjenigen, die doch so lange an ihrer Seite gestanden hatten. Ein Grund mehr, diese im Geiste ebenfalls an den Stammtisch zu setzen: Der Antideutsche, nicht nur Verräter, sondern verkappte bürgerliche Existenz.

Der Vorwurf, eine bürgerliche Existenz zu führen, traf sicherlich auf den rotweintrinkenden, langzeitstudierenden und arbeitslosen Akademiker-Antideutschen zu, dem der Pöbel auf Demonstrationen zuwider war und dessen wenige soziale Kontakte sich auf intellektuell-universitäre Lesekreise beschränkte.  Beim nicht-bürgerlichen Anteil der Antideutschen indes konnte man häufig eine verhängnisvolle Verquickung von Weltanschauung und individueller Lebensführung beobachten: Ihre frisch gewonnene Unbekümmertheit, die Freude an Polemik und Provokation prägte wie selbstverständlich die politischen Aktionsformen vieler Antideutscher und verschaffte Ihnen dadurch traurigerweise zu einem guten Teil jene Aufmerksamkeit, die zur antideutschen Erfolgsgeschichte beitragen sollte.

Genannt seien an dieser Stelle nur die zwei öffentlichkeitswirksamsten Beispiele dessen, was man im Allgemeinen mit Antideutschen assoziiert: die noch immer berüchtigten Transparente bei den Protesten gegen die Gedenkfeiern zum Jahrestag der Bombardierung Dresdens („Bomber Harris -do it again“) oder das demonstrative Präsentieren von Israelfahnen zu allen möglichen Anlässen in der Öffentlichkeit. Die Bilder der blau-weißen Fahnen auf antideutschen Demonstrationen wirkten auf die deutsche Öffentlichkeit arg verstörend und gaben ein so so ungewöhnliches Bild ab, so dass selbst ausländische Medien von den jungen deutschen Israelfreunden berichteten. Dass das Zeigen der Fahne eines demokratischen Staates überhaupt als Provokation wahrgenommen wurde, verdeutlicht den schmalen Grad, auf dem sich die Antideutschen oft bewegten: Sie waren die Einzigen, die konsequent darum bemüht waren, eine Gegenöffentlichkeit zum antisemitischen Mainstream zu etablieren und diesen Mainstream durch Provokation und Beleidigung zu demaskieren. Der Mainstream schickte seine Presse; die Presse bescherte den Antideutschen Zulauf von jungen Menschen, denen sich die Sinnhaftigkeit solcher Aktionen immer seltener erschloß und deren Handeln mehr von der Lust an der Provokation als vom Streben nach Aufklärung bestimmt wurde. Ihr fehlendes Verständnis von Form und Inhalt antideutscher Kritik wurde zum Grauen für die alte Garde der Antideutschen, die sich unausgesprochen als Bildungsadel verstanden und bei denen längst die Dialektik der Aufklärung das Kapital ersetzt hatte.

Bomber Harris -do it again?

Im Zeitraffer betrachtet scheint es, als wären „die Antideutschen“ nicht zuletzt durch ihre teils sehr speziellen Provokationen urplötzlich ins Licht einer breiteren Öffentlichkeit geraten, hätten danach – wie offenkundig selbst unter ehemaligen Linken üblich – diverse Radikalisierungs- und Spaltungsprozesse durchleben müssen, um daraufhin genauso schnell wieder im Erdboden zu versinken, wie sie aufgetaucht waren. Die Erbarmungslosigkeit bei der Auseinandersetzung mit den Antiimperialisten trieb hin und wieder derart seltsame Blüten, dass man bei einigen handelnden Personen eine unbewusste Abrechnung mit der eigenen Vergangenheit als treibendes Motiv unterstellen mag.

Das Loslösen von den vertrauten ideologischen Strukturen und die damit verbundene Annahme eines bis dato völlig feindlichen Weltbildes konnte wegen der krassen Widersprüche zwischen „antideutsch“ und „antiimp“ nur radikal erfolgen; bei einigen Beteiligten allerdings in einem so hohen Maße, dass ihre Polemik allzu oft ins Vulgäre abglitt. Es scheint, als versuchten viele Antideutsche die Fehler der eigenen Vergangenheit durch Überkompensation wiedergutmachen zu wollen.

Wer sich nicht ganz eines infantilen Humors verschlossen hat, dem mag beispielsweise ein kreativer und satirisch anmutender Appell zur Wiederzerstörung der Dresdner Frauenkirche ein Lächeln entlocken; aber auch hier wird schnell deutlich, dass die Beweggründe für derlei Agitationen wohl eher im Reiz der Provokation liegen dürften, und weniger in dem Bestreben, ernsthafte Kritik am Opfermythos Dresden zu üben. Ebenso liefert ein Transparent mit der Aufschrift „Bomber Harris – do it again!“, das man den Nazis bei ihrem Gedenkmarsch anlässlich der Zerstörung Dresdens im 2. Weltkrieg entgegenhält, nicht unbedingt einen anregenden Debattenbeitrag (den es freilich auch gar nicht liefern soll). Weitere Beweggründe für diese Form antideutscher Attitüde mögen zum Teil kindlicher Trotz gegen die Attacken ihrer vielen Feinde von links bis rechts gewesen sein – und nicht zuletzt die öffentliche Aufmerksamkeit, mit der man sich eine Adelung der eigenen Taten durch die Erwähnung im Verfassungsschutzbericht oder zumindest im Magazin „der Spiegel“ verdienen konnte.

Und nun?

Möglicherweise war es die Einsicht, dass das Studium der optimalen Flugrouten britischer Bomberstaffeln auf deutsche Städte und Lobpreisungen auf die technischen Segnungen des israelischen Merkava-Panzers in einschlägigen Internetforen weder eine persönlich befriedigende, noch auf Dauer sinnstiftende Beschäftigung sein kann. Was letztendlich dazu führte, dass die radikalsten Auswüchse antideutscher Protestkultur fast völlig aus der Öffentlichkeit verschwanden.

Der Wegfall des Duos George W. Bush / Ariel Sharon als dankbare Projektionsfläche für antideutsche Weltbefreiungspläne und die damit erzwungene Notwendigkeit zu mehr weltpolitischer Differenzierung mag das Verschwinden der Antideutschen beschleunigt haben, ebenso wie der immer häufiger aufkommende Wunsch verschiedener sich ausdrücklich als antideutsch verstehender Gruppen, dass man berechtigte Anliegen wie Israelsolidarität jetzt verstanden habe und sich nun doch wieder einem breiteren und vor allem praxisnaheren Betätigungsfeld zuwenden könne als einem ewigen Abarbeiten am Irakkrieg und der Stadt Dresden.

Das, was in der Öffentlichkeit von den Antideutschen als ein kurzes, heftiges Aufflackern wahrgenommen wurde, hinterließ in Teilen der deutschen Linken tiefe Spuren, insbesondere in Ihrem Verhältnis zum Staat Israel – auch wenn sich die Hoffnung, die Linke möge sich endlich von Grund auf verändern, letztlich als frommer Wunsch erwies.

Erstaunlicherweise blieben viele Altlinke immun gegen antideutsche Argumentationen, selbst dann, wenn diese überzeugend, nicht-polemisch und wohlwollend vorgetragen wurden. Die Frage, ob sich die Antideutschen durch Ihr Wirken selbst überflüssig gemacht haben, lässt sich nicht einfach abschließend klären. Dem offenkundig nach wie vor immensen Aufklärungsbedarf unter den Linken stehen die unbestrittenen Erfolge der antideutschen Bewegung gegenüber: Denn es werden immer häufiger antideutsche Standpunkte von vielen politischen Gruppen und Publizisten weitergeführt, die das Label „antideutsch“ ausdrücklich  nicht tragen wollen. Antideutsche  Positionen werden mit deutlich mehr Selbstreflexion und bemerkenswerter Reichweite vorgetragen, wobei die Ablehnung der Selbstbeschreibung „antideutsch“ eine späte und logische Folge aller antideutschen Provokationen und Peinlichkeiten darstellt.

Selbst das ehemalige Flagschiff der Antideutschen, die Zeitschrift Bahamas, wehrte sich bald aus ähnlichen Gründen dagegen, als nur „antideutsch“ wahrgenommen zu werden. Man sei vielmehr „ideologiekritisch“, eine – pars pro toto – durchaus gelungene und versöhnliche Beschreibung des Verhältnisses zur eigenen antideutschen Vergangenheit, die wesentliche Kernpunkte dessen, was antideutsche Kritik eigentlich sein wollte und sein sollte, ausdrückt.

Was folgt, ist unvermeidlich: Die Zeitschrift Bahamas ist das Ziel beißender Kritik. Nicht nur von den üblichen Verdächtigen, den Altlinken – sondern auch von bekennenden Antideutschen und Personen, die sich mittlerweile ebenfalls als ideologiekritisch bezeichnen. Die Geschichte der Antideutschen, sie ist eine unendliche.

  1. Eine detailliertere, intellektuellere und trefferendere Definition von „Antideutsch“ hat Manfred Dahlmann verfasst. Siehe: http://www.ca-ira.net/isf/beitraege/dahlmann-antideutsch.php